Welches Gewerk profitiert wirklich? E-Nutzfahrzeuge im Handwerk nach Einsatzprofil

Handwerk
Das Wichtigste in Kürze: Eine belastbare Statistik, wie viele Kilometer ein Malerbetrieb gegenüber einem Dachdecker am Tag fährt, gibt es für Deutschland nicht. Die beste verfügbare Handwerkszahl stammt vom ZDH: rund 18.262 Kilometer im Jahr je Fahrzeug, und knapp zwei Drittel der Fahrzeuge werden ausschließlich im Umkreis von 100 Kilometern eingesetzt. Wer wissen will, ob ein E-Nutzfahrzeug in den eigenen Betrieb passt, kommt an zwei Wochen eigener Aufzeichnung nicht vorbei. Der Aufwand dafür liegt bei etwa zwei Minuten pro Fahrzeug und Tag.

Auf Messen und in Beratungsgesprächen fällt regelmäßig der Satz, für das eigene Gewerk sei ein Elektrofahrzeug nichts. Manchmal stimmt das. Oft stimmt es nur für zwei von zehn Fahrzeugen im Fuhrpark, und der Betrieb hat es nie überprüft. Dieser Artikel sortiert, was an belastbaren Zahlen für das Handwerk vorliegt, wo die Datenlage endet und wie ein Betrieb die Frage in zwei Wochen selbst beantwortet.

Was über Fahrleistungen im Handwerk tatsächlich bekannt ist

Die aussagekräftigste Erhebung stammt vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Danach legt ein Handwerkerfahrzeug im Schnitt 18.262 Kilometer im Jahr zurück, in den Bauhandwerken 17.656 Kilometer. Bei 250 Arbeitstagen sind das rechnerisch rund 73 Kilometer je Arbeitstag. Diese Rechnung ist eine Näherung und keine gemessene Tagesstrecke, weil sich hinter dem Mittelwert kurze Servicetage und lange Ausnahmetouren verbergen.

Zwei weitere Werte aus derselben Erhebung sind für die Fahrzeugwahl relevanter als der Jahresschnitt. 63,8 Prozent der Fahrzeuge wurden ausschließlich in einem Umkreis von 100 Kilometern eingesetzt, 38,6 Prozent sogar nur innerhalb von 50 Kilometern. Hier ist Genauigkeit wichtig: Gemeint ist der Einsatzradius, nicht die gefahrene Tagesstrecke. Ein Betrieb kann sich in einem 40-Kilometer-Radius bewegen und trotzdem 120 Tageskilometer sammeln, wenn er sechsmal hin und her fährt.

Aktueller ist die ZDH-Sonderumfrage „Mobilität im Handwerk”, für die im dritten Quartal 2024 gemeinsam mit 47 Handwerkskammern 8.262 Betriebe befragt wurden. Ergebnis: Diesel und Benzin dominieren weiterhin, der Anteil der Betriebe mit batterieelektrischen Fahrzeugen ist zuletzt aber deutlich gestiegen. Als Hürden nennen die Betriebe an erster Stelle die Anschaffungskosten, rund 60 Prozent führen den Kaufpreis an. Danach folgen Reichweite, Zuladung und Ladeinfrastruktur.

Warum es keine Zahl je Gewerk gibt

Wer nach durchschnittlichen Tageskilometern für Elektroinstallateure, SHK-Betriebe oder Trockenbauer sucht, findet für Deutschland nichts Belastbares. Der ZDH fasst nach Bau-, Ausbau-, Lebensmittel- und Dienstleistungshandwerken zusammen. Innerhalb dieser Gruppen liegen die Unterschiede zwischen einem städtischen Servicebetrieb und einem Betrieb mit Baustellen im Umland aber größer als zwischen den Gewerken selbst.

Das ist keine Lücke, die sich mit einer Schätzung füllen lässt. Ein Elektrobetrieb in Nürnberg mit 15 Wartungsterminen am Tag und ein Elektrobetrieb im ländlichen Mittelfranken mit drei Baustellen haben denselben Gewerkeschlüssel und völlig verschiedene Fahrprofile. Deshalb bringt die Frage „Passt ein E-Fahrzeug zu meinem Gewerk?” weniger als die Frage „Passt es zu diesem einen Fahrzeug in meinem Hof?”.

Die zwei Wochen, die Klarheit schaffen

Für die Antwort braucht es keinen Berater und keine Telematiklösung. Ein Zettel im Handschuhfach reicht, ein simples Formular im Handy ebenso. Aufgeschrieben werden je Fahrzeug und Tag vier Werte:

  1. Kilometerstand morgens und abends, daraus die Tagesstrecke.
  2. Die längste Einzelfahrt ohne Rückkehr zum Betrieb.
  3. Uhrzeit der Rückkehr am Abend und Uhrzeit der Abfahrt am nächsten Morgen. Die Differenz ist das Ladefenster.
  4. Grobe Beladung: leer, halb, voll, oder gleich das Gewicht, wenn eine Waage in der Nähe ist.

Nach zwei Wochen liegen zehn Werte je Fahrzeug vor. Interessant ist dabei nicht der Mittelwert, sondern der zweit- oder drittlängste Tag. Wenn der bei 90 Kilometern liegt, ist die Sache klar. Liegt er bei 220 Kilometern, ebenfalls. Das eigentliche Ergebnis dieser zwei Wochen ist meist nicht ein Ja oder Nein für den ganzen Fuhrpark, sondern eine saubere Trennung: zwei Fahrzeuge geeignet, eins vielleicht, eins vorerst nicht.

Wer es genauer will, ergänzt die Frage, wie oft im Erfassungszeitraum eine Fahrt spontan dazukam, die morgens noch nicht geplant war. Genau diese Fahrten entscheiden später darüber, ob ein Fahrer dem Fahrzeug vertraut.

Was dabei herauskommt, ist selten überraschend, aber oft eindeutiger als erwartet. Eine Untersuchung des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung zu gewerblichen Flotten in Baden-Württemberg kam bei einer angenommenen Reichweite von 80 Kilometern auf rund 45 Prozent elektrifizierbare leichte Nutzfahrzeuge, bei 140 Kilometern auf etwa 74 Prozent. Die Studie ist von 2018 und regional begrenzt, sie zeigt aber das Muster: Der Sprung liegt nicht bei sehr großen Reichweiten, sondern im Bereich zwischen 80 und 150 Kilometern. Genau dort bewegen sich kompakte Nutzfahrzeuge.

Fünf Einsatzprofile aus dem Handwerk

Elektro, SHK, Wartung und Kundendienst

Das klassische Profil für den Einstieg: viele kurze Wege, häufiges Anhalten, mittlere Beladung, abends zurück auf den Hof. Gebraucht werden Volumen und Ordnung, nicht Nutzlast. Der TX1-e mit 2 Kubikmetern Laderaum, 620 Kilogramm Zuladung und 9 Metern Wendekreis passt hier, für größeren Materialbedarf der TX7-e als Box mit 5,7 Kubikmetern und 1.135 Kilogramm Zuladung.

Maler, Lackierer, Bodenleger

Ähnliches Fahrprofil, anderer Materialmix. Farben, Gebinde, Werkzeug und Leitern wollen trocken und abschließbar transportiert werden. Hier zählt der geschlossene Aufbau. Die Baustellendauer ist meist länger, das heißt weniger Fahrten pro Tag und damit ein sehr gut planbarer Ladebedarf.

Trockenbau, Tischler, Montage

Der Bedarf schwankt stark. Für den Aufmaß- und Servicetermin reicht ein kompaktes Fahrzeug, für den Materialtransport zur Baustelle nicht. Betriebe mit dieser Spreizung fahren häufig zweigleisig: ein kompaktes Elektrofahrzeug für Termine, Aufmaß und Nacharbeiten, ein größeres Fahrzeug für die Materialfuhre. Der Elektroanteil im Fuhrpark wächst dann von unten, nicht von oben.

Dachdecker, Bau, Gerüstbau

Das schwierigste Profil. Hohe Lasten, sperriges Material, Baustellen mit unbefestigten Zufahrten und häufig größere Entfernungen. Hier ist ein kompaktes E-Nutzfahrzeug meist kein Ersatz für den vorhandenen Transporter, sondern eine Ergänzung für Aufmaß, Kleinreparaturen und Materialnachschub im Nahbereich. Wer das offen so sagt, spart sich Enttäuschungen.

Garten- und Landschaftsbau, Hausmeisterservice, Bauhof

Kurze Wege, viel Stop-and-Go und wechselnde Ladung, oft schmutzig oder sperrig. Der TX7-e als Pritsche mit 1.200 Kilogramm Zuladung und offener Ladefläche trifft dieses Profil, der TX1-e mit 620 Kilogramm die kleinere Variante davon. Wer zusätzlich einen Anhänger einsetzt, lässt sich die zulässigen Werte für die konkrete Ausführung vom Händler bestätigen.

Wo die Grenzen liegen

Kompakte E-Nutzfahrzeuge sind für den Nahbereich gebaut, und das ist wörtlich zu nehmen. Alle TX-Modelle fahren maximal 80 Kilometer pro Stunde. Für Betriebe, deren Tag regelmäßig mit einer langen Überlandfahrt beginnt, ist das ein Ausschlusskriterium, kein Detail. Für einen Servicebetrieb, der ohnehin im Stadt- und Umlandverkehr unterwegs ist, spielt es keine Rolle.

Die zweite Grenze ist die Reichweite. Die Datenblattwerte nach WLTP liegen bei 135 Kilometern für den TX1-e und 150 beziehungsweise 181 Kilometern für den TX7-e als Box oder Pritsche. Im realen Einsatz mit Ladung, Heizung und wechselndem Tempo sind rund 100 Kilometer beim TX1-e und etwa 110 bis 130 Kilometer beim TX7-e als Box die ehrliche Planungsgröße. Wer damit auskommt, kommt gut aus. Wer es nicht tut, sollte es vorher wissen.

Die dritte Grenze ist die Zuladung. 620 Kilogramm klingen nach viel, bis Regalsystem, Werkzeug, Leiter und zwei Mitarbeiter zusammenkommen. Die ZDH-Umfrage zeigt nicht ohne Grund, dass Zuladung für einen Teil der Betriebe eine der genannten Hürden ist.

Was der Betriebshof mit der Entscheidung zu tun hat

Die Ladefrage entscheidet häufiger über die Eignung als die Reichweite. Nach der ZDH-Sonderumfrage verfügt knapp die Hälfte der Betriebe über einen eigenen Betriebshof für alle Fahrzeuge, rund ein Fünftel lässt Fahrzeuge von Beschäftigten mit nach Hause nehmen, und ein weiterer Teil stellt im öffentlichen Straßenraum ab. Für die ersten beiden Gruppen ist Laden eine Frage der Steckdose. Für die dritte wird es kompliziert, und daran ändert auch die beste Reichweite nichts.

Der Vorteil kompakter E-Nutzfahrzeuge liegt dabei in der niedrigen Ladeleistung. TX1-e und TX7-e laden an der normalen 220-Volt-Steckdose, der TX1-e ist in acht Stunden voll. Ein Betrieb ohne Wallbox kann damit starten und die Infrastruktur später aufbauen, statt umgekehrt.

Die Rechnung dazu ist einfach. Bei 60 Tageskilometern und dem offiziellen oberen Verbrauchswert von rund 20 Kilowattstunden je 100 Kilometer sind etwa 12 Kilowattstunden nachzuladen. Mit der maximalen Ladeleistung von 2,2 Kilowatt und etwas Puffer für Ladeverluste ist das in sechs bis sieben Stunden erledigt. Ein Feierabendfenster von 18 bis 6 Uhr reicht dafür deutlich aus. Entscheidend ist also nicht die Ladeleistung, sondern die Frage, ob überhaupt eine geeignete Steckdose dort ist, wo das Fahrzeug nachts steht.

Häufige Fragen

Ab welcher Betriebsgröße lohnt sich der Einstieg?

Die Betriebsgröße ist nicht der entscheidende Faktor, das Einsatzprofil ist es. Auch ein Ein-Mann-Betrieb mit 60 Tageskilometern und Stellplatz am Haus liegt im idealen Bereich, während ein Betrieb mit 30 Fahrzeugen und Baustellen im Umkreis von 120 Kilometern schwerer damit tut.

Was ist mit dem Winter?

Kälte kostet Reichweite, das gilt für jedes Elektrofahrzeug. Wer im Sommer 70 Kilometer fährt und mit 100 Kilometern realer Reichweite plant, hat auch im Winter Luft. Wer im Sommer schon an der Grenze fährt, hat sie im Januar nicht mehr.

Reicht ein Fahrzeug für zwei Monteure mit Material?

Rechnen statt schätzen: zwei Personen, Werkzeug, Regaleinbau und Material summieren sich schnell auf mehrere hundert Kilogramm. Beim TX1-e mit 620 Kilogramm zulässiger Zuladung wird es dann eng, beim TX7-e mit 1.135 Kilogramm nicht.

Was kostet die Aufzeichnung der zwei Wochen?

Nichts außer Disziplin. Vier Werte pro Fahrzeug und Tag, aufgeschrieben von der Person, die ohnehin am Steuer sitzt.

Fazit

Die Frage nach dem passenden Gewerk führt in die Irre, weil die Streuung innerhalb eines Gewerks größer ist als zwischen den Gewerken. Belastbar ist nur das eigene Fahrprofil, und das kostet zwei Wochen Aufzeichnung. Für Service- und Wartungsbetriebe mit Rückkehr auf den Hof passt die Rechnung in den meisten Fällen. Für Betriebe mit schwerem Material und langen Wegen ist ein kompaktes E-Nutzfahrzeug eine Ergänzung, kein Ersatz. Wer die eigenen Zahlen kennt, kann das Gespräch über den 

Quellen (Stand August 2026)

Technische Angaben zu TYN-e-Fahrzeugen nach offiziellen Datenblättern, zuletzt geprüft im Mai 2026.